Frau zur Mutter

By Tamar Venditti 19. July 2012 11:25
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Ich bin doch keine Zwanzig mehr – und muss auch nicht so aussehen Schwangere Frauen sind unglaublich attraktiv, finde ich. Zumindest, wenn ich nicht selber schwanger bin. Die anderen die haben diese perfekten Kugelbäuche, das volle, glänzende Haar, den makellosen Teint und den verklärten, nahezu madonnenhaften Blick. Bei mir war das natürlich ganz anders: Der Bauch nie so schön rund, wie bei den anderen, die Gelenke dick angeschwollen, das Haar stumpf und glanzlos, die Schweissdrüsen hyperaktiv und die Gewichtszunahme weit über den ärztlich erlaubten acht bis zwölf Kilogramm. Attraktiv sieht anders aus. Zumindest in meinen Augen, andere sahen in mir nämlich durchaus, was mir so gar nicht auffallen wollte. „Du hast einen wunderschönen Bauch“, schwärmte die Kellnerin im Café. „Dein Haar möchte ich haben“, seufzte die Freundin neidvoll. „Sie sehen so frisch und zufrieden aus“, stellte die Frauenärztin fest. Nun, auch die schönste Schwangerschaft geht einmal zu Ende und was danach kommt, ist für viele Frauen der absolute Horror. Das Kind ist draussen, aber man sieht noch immer aus wie ein gestrandeter Pottwal, kein Kleidungsstück will mehr passen, Zeit zum Haarewaschen ist Glückssache und die Augenringe werden von Tag zu Tag dunkler. Zum Glück wollen alle nur das süsse Baby sehen, da fällt kaum auf, dass die Mama nicht eben taufrisch aussieht. Und dann geschieht, was nicht geschehen sollte: Mitten in der Nacht, wenn ausser Baby und Mama alle schlafen, drückt die Mama verzweifelt auf der Fernbedienung herum und landet unweigerlich bei diesen makellosen Promi-Mamas, die fünf Minuten nach der Geburt schon wieder auf dem Laufsteg stehen und dabei jeder bildhübschen Sechzehnjährigen die Show stehlen. Spätestens jetzt wird der Mama klar, dass sie alles dransetzen muss, sämtliche Spuren von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit so rasch als möglich zu beseitigen, wenn sie je wieder als attraktiv gelten will. Mag sein, dass dies einzelnen Frauen gelingt, die Mehrheit aber wird früher oder später feststellen, dass der Kampf aussichtslos ist. Der Körper hat ein Wunder vollbracht, das seine Spuren hinterlässt. Spuren, die in unserem Schönheitsideal nicht als sonderlich attraktiv gelten. Mir war lange nicht bewusst, dass sich dieses Schönheitsideal auch in meinem Kopf festgesetzt hatte. Ich versuchte zwar nicht, diesem Ideal nachzueifern, denn als fünffache Mutter hatte Gott sei Dank Wichtigeres zu tun. Traf ich aber zufällig zwischen Windelwechseln und Wäschebergen auf mein Spiegelbild, dann sah ich eine Versagerin, die es nicht geschafft hatte, trotz Mutterschaft einigermassen attraktiv zu bleiben. Ich verglich mich mit Frauen, die schneller wieder schlank geworden waren, mit solchen, die Schwiegermutter sei Dank alle zwei Wochen zum Coiffeur gehen konnten und mit Gleichaltrigen, die vom Kinderhaben nur hatten träumen dürfen. Irgendwann, als alle Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, stellte ich mich vor den Spiegel und nahm mir die Zeit, genauer hinzusehen. Nicht alles, was ich sah, gefiel mir, aber es war auch kein Bild des Grauens. Keine Kandidatin für den Schönheitswettbewerb, das ist klar, aber zum Modellstehen für Peter Paul Rubens hätte es wohl gereicht.  Seither gehe ich viel gelassener um mit den Spuren, welche die fünf Schwangerschaften hinterlassen haben. Man darf meinem Körper ansehen, was er geleistet hat, es reicht mir, für mich und diejenigen, die mich lieben schön zu sein. Das macht mich vermutlich deutlich attraktiver, als wenn ich verbissen versuchen würde, wieder wie eine Zwanzigjährige auszusehen.
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